Eneri.

Letzte Woche hab ich einen Engel gesehen. Jaja, jetzt denkt ihr wieder, ich spinne und denk mir das aus, aber das stimmt nicht! Ganz wahr und ehrlich, es war ein Engel! Papa hat mal gesagt, dass es die gibt. Also. Na gut, Papa hat auch gesagt, dass man sie nicht sehen kann. Aber ich hab ihn gesehen. So. Und er hatte Flügel. Der Engel hatte Flügel. Ich hab extra zweimal hingeguckt, um ganz sicher zu sein. Die Flügel haben grau und weiß und blau geschimmert und sahen ein bißchen aus wie in dem Buch, das Oma mir vorletztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Ich bin stehengeblieben, als ich den Engel gesehen hab. Er hat sich so komisch an eine Hauswand gedrückt. Als ob er sich verstecken wollte. Und ich hab mich sooo gefreut, weil, ich war mir sicher, dass das ein Schutzengel ist, wie in dem Buch von Oma. Und dann hab ich gelacht, weil ich mich so gefreut hab, und ich bin gehüpft und wollte zu ihm gehen. Und dann hat er sich zu mir umgedreht und da dachte ich, er hat sich wehgetan oder wurde geärgert. Vielleicht so, wie Lucy mich immer ärgert, wenn ich draußen vorm Haus spiele und wenn Mama grad im Haus meinen kleinen Bruder füttert. Das ist total doof und ich bin dann traurig und manchmal weine ich auch und ich glaub, der Engel hat auch geweint. Jedenfalls sah er richtig traurig und wütend aus.

Papa sagt, ich darf nicht zu Fremden gehen oder mit ihnen reden. Also bin ich einfach stehengeblieben. Gucken wollte ich nämlich trotzdem. Der Engel hat mich angeguckt. Ich dachte, Engel sehen nett aus, und schön, wie in dem Buch, und freundlich. Dieser sah aber ganz anders aus. Er guckte mich ganz böse an und ich hab mich tüchtig erschrocken…und seine Augen…die waren nicht wie sonst, sondern ganz schwarz. Und er hatte Narben im Gesicht. Und dann ist mir aufgefallen dass das, was er anhatte, ganz dreckig war. Aber das Schlimmste war, als er seine Flügel ausgebreitet hat! Da hab ich erst gesehen, dass die ganz kaputt waren. Ich hab gedacht, er hat Schmerzen. Wenn jemand Schmerzen hat, soll man trösten, hat Oma gesagt, also bin ich doch zu ihm gelaufen, obwohl ich etwas Angst hatte.

Als ich fast bei ihm war, hat er seine Hand nach mir ausgestreckt. Ich hab seine Finger gesehen und seine langen, dreckigen Fingernägel und da hab ich mich erschrocken und versucht, zu schreien.

Kennt ihr das, wenn ihr eine Tüte Konfetti aufreißt, ganz doll, und das ganze Zeug fliegt so lustig durch die Gegend? So sah das aus, was ich als Nächstes gesehen hab. Also so ähnlich. Nicht wie Konfetti und auch nicht so bunt…eigentlich war es nur rot und dunkelrot und als ich etwas davon anfassen wollte, glitt es mir durch die Finger wie Wasser beim Händewaschen. Neulich hab ich mit Papas Münzsammlung gespielt und ganz alte Pfennigstücke durch meine Hände rinnen lassen. Das rote Zeug roch wie Papas Münzen. Das mochte ich nicht. Alles war plötzlich ganz durcheinander und mir war schwindlig. Ich wollte, dass das aufhört.

Ich vermisse meinen kleinen Bruder. Und Mama und Papa und Oma und mein Buch von dem Engel, der gut ist. Ich will wieder nach Hause. Aber ich kann nicht. Das weiß ich jetzt.

Manchmal sehe ich Leute vor der Wand stehen, an der der Engel stand. Sie machen Fotos und sprechen von mir und von dem roten Fleck an der Wand und sie sagen, es sei mein Blut und sie würden mich niemals wiederfinden. Aber ich bin doch hier! Hallo.

Der Tag der Gabeln

Kläng!

Stille.

Sie sehen sich an. „Ist das Dachfenster zu?“ fragt sie. „Klar!“, antwortet er. „Hab ich letzte Nacht zugemacht, da hat´s gewittert.“ Erneut Kläng! Kläng! Jetzt vereinzelt, aber dichter aufeinanderfolgend. „Klingt anders.“ sagt sie. „Stimmt.“ bestätigt er. „Anders als beim letzten Mal.“ Sie schenken sich Kaffee nach. Für sie mit Milch. Für ihn mit Zucker. „Hm.“ machen beide gleichzeitig. „Willst du nachgucken?“ fragt er. „Noch nicht.“ antwortet sie und bekräftigt diesen Satz, indem sie nochmal von ihrem Brötchen abbeißt. Kläng! Kläng! Auch er hat es nicht eilig. Frühstück im Bett ist schließlich etwas Besonderes, denkt er, und ein schönes Ritual. Und im Moment hat er auch keine Lust, die Vorhänge aufzuziehen. „Ich hab Lust auf Dich.“ sagt er und schielt dabei auf den Ausschnitt ihres alten Depeche Mode-Shirts, welches sie im Bett am Liebsten trägt. Sie beißt erneut von ihrem Brötchen ab und schaut ihn herausfordernd an. Kläng! Kläng! Kläng! „Wird immer mehr.“ sagt er und wendet seinen Blick jetzt auf seine Füße, die unter der Bettdecke hervorschauen. „Scheint so.“ sagt sie. Kläng! Kläng! Dann stecken sie sich Ohropax in die Ohren und geben einander hin. Dies ist ein weiteres Ritual, welches regelmäßig, und immer erst nachdem sie ihr Brötchen aufgegessen hat, durchgeführt wird.

Später. Das Kläng!, so stellen sie fest nachdem sie ihre Ohropax wieder aus den Ohren genommen haben, ist wieder nur vereinzelt zu hören. „Ich geh mal gucken.“ sagt sie. „Okay.“ sagt er. Sie zieht die Vorhänge zur Seite. Diesmal hat es Gabeln geregnet, denkt sie. Seltsam, denkt er, ich hätte schwören können, dass es irgendwelche dicken Stifte waren, vielleicht Lackstifte oder so. Sie lassen ihre Blicke über ihr kleines Gartenstück und die Straße daneben wandern. Alles glänzt silbern und funkelt in der Sonne, die nun endlich ihren Weg durch die Wolken gefunden hat.

„Guck mal.“ sagt sie und zeigt auf eine Stelle, an der die Gabeln einen großen, länglichen Haufen bilden. An einem Ende dieses Haufens schauen Füße hervor, ähnlich wie bei ihm vorhin im Bett, jedoch sind diese Füße beschuht. Und außerdem zeigen sie mit der Sohle nach oben, als ob die Person, die zu diesen Füßen gehört, auf dem Bauch liegt.  „Den hat´s erwischt.“ stellt er fest, ihrem Blick folgend. „Armer Kerl.“ sagt sie.

Nach einer Weile ziehen sie sich an und gehen nach draußen, um gemeinsam mit den Nachbarn alles aufzuräumen.

„Emotionalitäten“ auf´m Berg.

Im Hintergrund höre ich die Vögel ein Lied zwitschern

(was wirklich seltsam klingt, weil es die Melodie zu diesem Text ist:

„Let me take you down
‚Cause I’m going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever…“).

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Heimweg

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Diese Gegend ist magisch für mich. Eintausend Gedanken und Erinnerungen prasseln wie ein Regenschauer auf mich herab, und während ich mich wegzuducken versuche merke ich, wie sanft und liebevoll ein einzelner Tropfen doch sein kann. Das ist Leben.

Danke! Nochmal und immer.

Die Hexe im Zug

Stahlblaue Augen schauen mich an. Der kalte Blick lässt mich erschaudern. Sie ist so nah. Zweimal hat sie schon meinen Blick gesucht und gefunden, und ein bißchen ist es wie ein Eisberg, der neben mir zu wachsen scheint. Ich hänge meinen Gedanken nach, doch dieses Gefühl beobachtet zu werden, es stört mich und ich kann nicht entspannen und für mich sein. Sie ist unruhig und zappelt, beugt sich vor und zurück, wippt mit dem linken Fuß und bewegt die Finger ihrer rechten Hand. Faust. Locker. Faust. Locker. Regelmäßige Bewegung. Aus dem Augenwinkel nehme ich verschwommen etwas Dunkles wahr und schiebe das auf meine Müdigkeit. Die Zeit hat mich müde gemacht. Leben ist viel. Mich fröstelt erneut, ebenfalls Zeichen meiner Müdigkeit. Ich höre ein summendes Geräusch links von mir und schaue kurz in die Richtung und sie sieht mich an, scheint zu summen. Ein langer, leiser, monotoner Laut. Mir fällt auf, dass sie keine Luft holt. Kann das sein? Meine Gedanken verwirren sich und ich kann mich nicht konzentrieren. „Ich sollte mich einfach umsetzen!“ denke ich, und dieser Gedanke hätte ruhig etwas eher, deutlicher und lauter in mein Gehirn drängen können, denn als ich mich soweit habe und meine Tasche greifen und aufstehen will, kann ich es nicht. Ich kann meine Beine nicht bewegen. Ich kann meine Arme nicht bewegen. Angst steigt in mir auf. Ich kann mich nicht spüren. Ich schaue vor mich auf den Sitzplatz, unfähig, den Kopf zu bewegen. Da wird das Summen auf einmal lauter und das Gesicht der Hexe erscheint in meinem Blickfeld.Sie schaut mich an mit Augen, die älter sind als der Mond. Ich frage mich, warum sie hier ist. Ich spüre, wie mein Herz aufhört zu schlagen. Und dieses Gefühl habe ich mir immer ganz anders vorgestellt.

Kurz in Köln

Ich bin zum zweiten Mal in Köln. Mein erster Besuch hier ist ungefähr 13 Jahre her. Damals hat mich mein Gestaltungslehrer hergeschlurt und ich musste den ganzen Tag auf der Möbelmesse  „oh“ und „aaah“ und „boah toll“ sagen, zum Beispiel beim Anblick von Pink-schwarz-bezogenen Kuhfellmuster-Stühlen. Ätzend und nach wie vor eine Geschmacksverirrung (finde ich). 

Ich bin froh, mal wieder hier zu sein.  Jetzt kann ich „oh“ und „aaah“ und „boah toll“ zu Dingen und Orten sagen, die ich ehrlich gut finde. Davon gibt es hier reichlich, in ganz vielen Ecken und Nischen. Alles voll. Man muss nur die Zeit haben, zu gucken 😉 ich mag Köln. 

      
  
    
    
 

Makro

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Berlin